Wo türkische Männer weinen

Es gibt noch immer Gesprächsbedarf – auch nach neun Jahren. Anstatt in Männercafés herumzuhängen, trifft sich eine türkischstämmige Väter- und Männergruppe jede Woche in Neukölln, um über Probleme zu diskutieren. Dabei geht es meistens um Frauen, Erziehung, Gewalt und um ihre Ehre.

In der Ecke köchelt türkischer Tee, auf den zusammengeschobenen Tischen in der Mitte des Raumes stehen kleine Teetassen, daneben sehr viele Zuckerwürfel in einer großen Glasschale. An den Wänden hängen Plakate, die gegen Gewalt aufrufen, Zeitungsartikel, gewonnene Preise. Es ist Montag 18 Uhr. Pünktlich versammeln sich die Männer in einem kleinen Raum des Vereinsgebäudes „Aufbruch Neukölln“. In einer engen, kleinen Gasse in Rixdorf, wo einst böhmische Flüchtlinge lebten, erscheint der raue Neuköllner Alltag weit weg.


dpa/Hauke-Christian DittrichNeukölln zählt zu Berlins Problemkiezen

„Heute reden wir über das Thema Ehrlichkeit“, eröffnet Kazim Erdogan die Gesprächsrunde. 26 Männer sind am heutigen Abend gekommen. 90 sind es in der Gesamtanzahl. Es sind Männer in Anzügen, Männer in Arbeitskleidung, Männer in Hoodies und Lederjacken. Sie melden sich per Handzeichen wie in der Schule, eine Reihenfolge wird festgelegt. Nacheinander beginnen die Männer sich zum Thema zu äußern. Was bedeutet Ehrlichkeit eigentlich?

„Wer ehrlich ist, schaut sich keine Pornos im Internet an“

„Wirklich ehrlich sind nur psychisch stark kranke Menschen, die nicht mehr lügen können und kleine Kinder“, äußert sich Hasan. „Ansonsten lügt jeder. Täglich. Meistens sind es sogenannte Notlügen. Aber das ist nicht gut.“ Hasans Tochter begleitet ihren Vater heute. Sie entgegnet ihm schnell, dass viele auch lügen würden, weil sie es gut meinten und sie gar keine böse Absicht hätten. „Meine Tochter soll gerne anders denken, aber ich bleibe dabei, dass es keine gut gemeinten Lügen gibt“, sagt Hasan, der von seiner Frau getrennt lebt.

Schnell geht es bei dem Gespräch auch um den Koran und was darin zur Ehrlichkeit steht. Doch auch Versicherungsbetrug, genauso wie die Demokratie und das kapitalistische System sind Themen, um die sich die Diskussion dreht. „Wer ehrlich ist, schaut sich keine Pornos im Internet an“, sagt Ahmet, ein älterer Mann mit ernster Miene. „Auch Menschen, die es zu großem finanziellen Reichtum gebracht haben, können das nicht ehrlich geschafft haben.“


Zoomin.TVAuch was im Koran steht, wird in der Neuköllner Männergruppe diskutiert

Mit dieser Aussage stößt Ahmet auf Widerstand. Es wird lauter. Plötzlich klopft jemand auf den Tisch. Aufmerksamkeit, Respekt und Disziplin sind Kazim Erdogan, dem Leiter und Initiator der Väter- und Männergruppe, wichtig. Ruhig lenkt er das Gespräch. Wenn er das Wort ergreift, wird es still im Raum und die Männer hören ihm gebannt zu.

„Wo sind die türkischen Paschas?“

Kazim Erdogan ist 62. Er ist ein ruhiger Mann mit durchdringendem Blick. Aus seinem Gesicht kann Strenge und Herzlichkeit gelesen werden. Er selbst kam Mitte der 70er Jahre nach Deutschland, hat sich mit zehn Mark in der Hand nach oben gearbeitet und kennt die Probleme der Männer in seiner Gruppe genau. Er ist nicht nur ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender von „Aufbruch Neukölln“, sondern arbeitet als Psychologe auch im psychosozialen Dienst des Neuköllner Bezirksamtes. Die Probleme Berliner Parallelgesellschaften erkannte Erdogan bereits früh. Während seiner Tätigkeit als Hauptschullehrer in den 80er Jahren, fragte er sich bei Elternabenden immer: „Wo sind die ganzen türkischen Paschas?“


Rolf ZoellnerMänner der Väter- und Männergruppe des Vereins „Aufbruch Neukölln“

„Wir leben in einer vaterlosen Gesellschaft. Doch eine solche Erziehung, ist eine Erziehung auf nur einem Bein“, erklärt Erdogan. Er wollte die Väter und Männer, die „Paschas“, wie er sie nennt, an einen Tisch bringen, sie befragen, mit ihnen arbeiten und ihnen helfen. Im Januar 2007 gründete er die Männergruppe. Abseits von Männercafés und Spielhallen sollten sie hier lernen, offen über ihre Probleme zu sprechen – mit Gleichgesinnten.


dpa/Alex HeinlKazim Erdogan möchte die Männer aus den Spielhallen locken und mit ihnen diskutieren

Bei den Diskussionen geht es in erster Linie um Themen wie Erziehung, Frauen, Ehen und insbesondere um Gewalt und Ehre. Manche der Männer sind bereits seit neun Jahren dabei, andere erst kürzlich dazugestoßen. Es sind Gastarbeiter der ersten Generation, aber auch Jugendliche der vierten Generation. Kazim Erdogan hält nicht nur den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, sondern hat daneben noch zahlreiche andere Preise für seine Tätigkeit erhalten. Für die Väter und Männer seiner Gruppe ist er eine Art Galionsfigur.

Ehrenmorde, Schläge und die Stellung der Frau

„Männer müssen ehrlich zu ihren Frauen sein“, sagt Sozialpädagogin Altun Igöz an diesem Montagabend. Erdogan wird bei seiner Arbeit jede Woche von einer weiblichen Fachkraft unterstützt. So soll sichergestellt werden, dass auch ein weiblicher Blickwinkel in die Diskussionen mit einfließt.

Vieles dreht sich montags in Neukölln um Frauen. Dabei geht es nicht immer nur um die Ehrlichkeit zu ihnen. Sondern häufig um die Gewalt an ihnen – Ehrenmorde, Schläge, häusliche Gewalt. „Wenn jemand als Sohn geschlagen wurde, schlägt er häufig auch als Vater zu“, sagt Igöz. Ihr und Erdogan geht es nicht darum, die Männer zu erziehen, sondern ihnen den Ball zuzuwerfen, damit sie selbst beginnen zu denken.


dpa/Maurizio GambariniDas Thema der häuslichen Gewalt spielt in der Neuköllner Männergruppe eine wichtige Rolle und wird häufig diskutiert

Die Gruppendynamik spiele dabei eine große Rolle. Wenn in der Gruppe über Recht und Unrecht diskutiert wird und Männer, die Gewalt anwenden, mit deutlichen Worten dafür kritisiert werden, führt das häufig zu schmerzlichen Erkenntnissen. „Am Ende heulen diese Männer dann in der großen Runde wie kleine Kinder“, sagt Erdogan. „Es bedeutet sehr viel, wenn ein türkischer Mann vor anderen weint.“

Nicht immer lösen sich Probleme durch Diskussionen. Hamid, ein Teilnehmer der Gruppe, berichtet von einem Mann, der seine Frau getötet hat und heute im Gefängnis sitzt. Dies sei kein Einzelfall. Einige der Teilnehmer kennen solche Fälle aus dem Bekanntenkreis. Viele Täter wünschen sich, sie hätten Kazim Erdogan und seine Gruppe früher kennengelernt.


dpaEine Frau hält nahe dem Gedenkstein für Hatun Sürücü in Berlin ein Foto der jungen Frau. Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen.

Eine Männergruppe gegen Gewalt an Frauen

Mitte Januar dieses Jahres versammelten sich mehr als 50 Männer des Vereins gemeinsam mit Kazim Erdogan am Hermannplatz in Neukölln. Von dort aus ging es weiter zum Oranienplatz nach Kreuzberg. Über ihre dicken Winterjacken hatten sie alle ein orangefarbenes T-Shirt gezogen. Ein Schnurrbart war darauf abgebildet, genauso wie die Aufschrift „Männer gegen Gewalt“. Besonders nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln, wollten sie mit ihrer Demonstration ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen.


Kazim ErdoganPsychologe und Integrationsexperte Kazim Erdogan

Um 19.30 Uhr nimmt die Diskussion in Rixdorf langsam ein Ende. „Was hast du heute hier gelernt?“, fragt Erdogan jeden Einzelnen im Raum. „Ich bin 60 und habe immer noch viel zu lernen, merke ich“, sagt Hamid. Die Männer beginnen daraufhin zu lachen. Nacheinander bedanken sie sich bei ihrem Freund Kazim, geben ihm Küsse links und rechts, schütteln seine Hand, wünschen ihm alles Gute. Leise schieben sie die Stühle zurück an die Tische, räumen ihre Teegläser auf und verlassen den Raum. „Bis nächsten Montag, Arkadaş!“

By | 2018-04-23T18:29:23+00:00 April 23rd, 2018|Focus online, Online-Artikel|0 Comments